Umkämpfte Solidarität – Migration, Rassismus und Selbstorganisierung in Duisburg.
1955-1993.
Teil 1: Die Stadt der Ankommenden – Arbeit, Leben, Widerstand
Duisburg – eine Stadt, in der Stahl gekocht, Kohle gefördert und Solidarität erkämpft wurde. Hier nahm Migration früh nicht nur in der Arbeitswelt Raum ein, sondern auch im Stadtraum, im Alltag und in demokratiepolitischen Auseinandersetzungen. Die Menschen, die kamen, prägten die Stadt, in der sie fortan lebten und arbeiteten: Mit ihrer Arbeit, aber auch mit ihren Kämpfen um Teilhabe, Partizipation, Bleibeperspektiven, Gleichstellung und Demokratie. Migrant:innen und Geflüchtete gründeten Vereine, streikten, organisierten sich, schlossen sich mit jugend- und sozialen Bewegungen zusammen, engagierten sich in Gewerkschaften, in Frauengruppen und in Stadtteilinitiativen. Sie gestalteten lokale Konflikte mit, bildeten Allianzen, benannten soziale und politische Ungleichheiten und schlugen auch Antworten vor. Sie wurden ein sichtbarer Teil der Stadt und begannen, ihre Rechte einzufordern und sie benannten aus ihren Lebens- und Arbeitsverhältnissen heraus neue Schwerpunkte für lokale Auseinandersetzungen um Demokratie in Duisburg, Gleichberechtigung und Solidarität, bildeten aber auch neue internationale Allianzen über Duisburg hinaus.
Doch ihre Geschichten bleiben bis heute ein kaum erzähltes Kapitel der Duisburger Geschichte. In der zweiten Episode, die drei Teile hat, kommen sechs Zeitzeug:innen zu Wort, die uns einen Einblick geben in die migrantischen Selbstorganisierungen dieser Jahre: Gewerkschafter:innen, Feminist:innen, Sinti:zze, Antirassist:innen – Menschen, die Duisburg verändert haben.





Foto 1: Foto von Bergarbeitern, ca. 1960. Stadtarchiv Duisburg, ZAS 519/1-8.
Foto 2: Griechen für die Binnenschiffahrt. Rheinische Post, 22.09.1960. Stadtarchiv Duisburg, ZAS 519/1-8.
Foto 3: Erster offizieller Vertreter der KNCC. Zuständig für 3.000 Koreaner. Rheinische Post. 15.07.1972. Stadtarchiv Duisburg, ZAS 519/1-8
Foto 4: Als die erste Gruppe 1961 in Hamborn eintraf. Damals sprach niemand von Kümmeltürken. Rheinische Post. 03.12.1982. Stadtarchiv Duisburg, ZAS 519/1-8.
Foto 5: Überraschender Besuch in Hamborn. Sonderbotschafter fordert Koreaner zur Rückkehr auf. Neue Ruhr Zeitung. 30.11.1967. Stadtarchiv Duisburg, ZAS 519/1-8.
Im ersten Teil der 2. Episode sprechen die ersten zwei Interviewpartner. Hasan Özen erzählt vom Weg aus Anatolien ins Werk, vom Leben im Ledigenwohnheim, vom Bahnhof als Treffpunkt – und davon, wie aus Ohnmacht gewerkschaftliches Handeln wurde: erste Vertrauensleutewahlen, Auseinandersetzungen um Arbeits- und Lebensbedingungen, die Suche nach Anerkennung jenseits des Werkstors. Birane Gueye bringt die Perspektive des Mitgebrachten ein: ein gelebtes Solidaritätsethos im dekolonialisierten Senegal – teilen, soziale Verantwortung, gesellschaftliche Fürsorge – und wie daraus vom Senegal bis nach Duisburg politisches Engagement für Demokratie und Gleichberechtigung wird: Einsatz für Menschenrechte und für Gleichberechtigung im Alltag. Viele der Erzähler:innen waren in ihren Herkunftsländern bereits demokratiepolitisch und zivilgesellschaftlich geprägt, weil sie auch dort schon zu den marginalisierten Gruppen gehört hatten. In Duisburg trafen sie auf soziale Herausforderungen und Ungleichberechtigung – aber auch auf lokale soziale Bewegungen. Hier gründeten sie Selbstorganisationen, stellten Forderungen nach Partizipation und Teilhabe, schmiedeten Allianzen und verbanden Kämpfe gegen Rassismus mit Auseinandersetzungen gegen globale Ungerechtigkeiten und für Menschenrechte.
Zwischen ihren eindringlichen O-Tönen zeigen wir die migrationspolitische Schauplätze der frühen Jahre: Arbeit und Wohnen, Freizeit und Öffentlichkeit, Kontrolle und Politik - frühe Sicherheits- und Ordnungsdiskurse in Verwaltung und Betrieben - sowie die oft unsichtbare Frauenarbeit. Dieser erste Teil erzählt die Jahre bis 1970 – und begreift das Ankommen nicht als Randnotiz, sondern als Beginn von Selbstorganisierung.
Stadtgeschichte als Migrationsgeschichte

NRZ, 05.01.1978. „Gastarbeiterprobleme vor hundert Jahren. Ganze Straßenzüge waren damals polnisch.“ Stadtarchiv Duisburg, ZAS 519/1-8.
Duisburg liegt an der Mündung der Ruhr in den Rhein – eine Stadt, durchzogen von Kanälen, Eisenbahnlinien und Autobahnen 1 – und tief durchzogen von Migration. Die Stadt war ein Knotenpunkt des Industriekapitalismus, der Mobilität und der Arbeit – und wurde im 20. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Orte für industrielle Arbeitsmigration in der Bundesrepublik. Im industriellen Aufschwung nach 1945 galt das Ruhrgebiet als Herz der Montanindustrie: 1951 stammten 90 % der deutschen Kohleförderung und 80 % der Eisen- und Stahlproduktion aus dem Ruhrgebiet, – Duisburg mittendrin.
Schon im späten 19. Jahrhundert zog Duisburg Arbeitsmigrant:innen an. Der Hafen wuchs, die Hütten glühten, die Stadt begann wie eine Industriemaschine zu ticken. Mit dem Ausbau von Industrie, Hafen und Verkehrswegen kamen Menschen aus verschiedenen Teilen Europas in die Stadt, unter ihnen Arbeitskräfte aus den Niederlanden, aus Polen, Belgien und später auch aus Italien. Für manche blieb das Ruhrgebiet eine Zwischenstation, andere blieben und machten Duisburg zu ihrer neuen Heimat.
Mit der Arbeitskräfteanwerbung ab 1955 begann eine neue Phase: Nun kamen Arbeitsmigrant:innen auch aus Spanien, der Türkei, aus Marokko, Jugoslawien und Portugal – und Duisburg wurde mehr denn je zu einer Stadt der Migration und der vielen Sprachen.
Spricht man vom „Ruhrgebiet“, entsteht oft ein Erwartungsdruck, die Erzählung einer scheinbar homogenen Kohle- und Stahlregion zu wiederholen. Lokale Unterschiede verschwimmen hinter dem Mythos des „Reviers“.2
Dabei zeigt gerade Duisburg: Trotz geteilter Strukturbedingungen entwickelten sich spezifische lokale Geschichten, Migrationsdynamiken und auch spezifische Formen von Solidarität. Hinter diesen Auseinandersetzungen stehen Biografien von Menschen, die in der Hoffnung auf ein neues Leben nach Duisburg kamen – in eine Stadt, die manchmal rau, immer direkt und nicht weniger herzlich und ehrlich war.

Ausländische Arbeitnehmer in den kreisfreien Städten NW‘s 1976 und 1977 nach Staatsangehörigkeit. Quelle: Landesarchiv NRW.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde aus der Hansestadt Duisburg, allmählich eine Industriestadt mit logistisch optimaler Wasserlage für die stahlproduzierenden und -verarbeitenden Firmen aus dem Rheingebiet bis in die angrenzenden Niederlande. Die Industrialisierung löste einen Bedarf an Arbeitsmigrant:innen aus, der die Urbanisierung und den Zuzug vorantrieb, zunächst aus dem ländlichen Umland.
In einer empirisch aufwändig recherchierten historischen Analyse der Bevölkerungsdynamik bezeichnet James H. Jackson Duisburg als „Stadt der Durchwanderer“, geprägt von instabilen Lebensverhältnissen und hoher Binnenmobilität:
Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Duisburg zur typischen größeren Stadt des Ruhrgebiets. Seit 1850 bestimmte die Schwerindustrie immer mehr die lokale Wirtschaft. Am Ende des Jahrhunderts gab es fast neunmal mehr Einwohner als 1850. Außerdem war die ständige Bevölkerungsbewegung zum wesentlichen Bestandteil des Duisburger Lebens geworden. […] Zwischen 1853, als zum ersten Male eine Statistik der Zu- und Abwanderung zur Verfügung stand, und 1904, kurz bevor sich die Stadt durch Eingemeindungen vergrößerte, stieg die Zahl aller Einwohner von 12 880 auf 106 770; ein Zuwachs von 93 890 Einwohnern. Während dieser Wachstumsphase wurden in den Stadtämtern 710 401 Zu- und Wegzüge gemeldet. Zu dieser erstaunlich hohen Zahl von Umzügen in die und aus der Stadt, kommen noch die Umzüge innerhalb der Stadt. Wahrscheinlich wechselten jährlich 15% - 35% der Bürger ihren Wohnsitz innerhalb der Stadt. (…) Man konnte Duisburg mit Recht eine Stadt der Durchwanderer ohne feste soziale Grundlage nennen. Es ist daher zu verstehen, wenn Gustav Schmoller fragte: ‚Ist das letzte Resultat unserer heutigen sozialen Zustände eine hausierende Vagabondage der ganzen arbeitenden Bevölkerung, ein Durcheinanderschütteln der Menschen von Ort zu Ort, von Geschäft zu Geschäft, wie es selbst die Nomaden nicht kannten?‘
1979, James H. Jackson 3
Die Stadt wurde zur Heimat – nicht nur zum Arbeitsplatz
In der Nachkriegszeit prägten unterschiedliche Zuwanderungsbewegungen die Stadt. Zunächst kamen Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, später auch Flüchtlinge aus der DDR. Seit den 1950er Jahren folgten die ausländischen Arbeitsmigrant:innen, die zunächst oft allein nach Duisburg kamen und in Sammelunterkünften oder Betriebswohnheimen lebten. Mit den Jahren holten viele ihre Familien nach; ihre Kinder wurden in Duisburg geboren, gingen hier zur Schule, arbeiteten in der Stadt und gründeten eigene Familien. Hinzu kamen später Aussiedler:innen und Spätaussiedler:innen.Duisburg blieb damit über Jahrzehnte hinweg ein Ankunftsort für sehr unterschiedliche Gruppen von Zugewanderten und ist es bis heute für Geflüchtete und Migrant:innen. In den 1960er und 1970er Jahren waren viele Arbeitsmigrant:innen weitgehend auf sich allein gestellt. Wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier repräsentativ für alle geltend zum 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei betonte, traten die Gastarbeiter oft in „strukturelle Leerstellen“ ein:
Wir müssen offen über die Versäumnisse und Fehler in der Migrationspolitik sprechen, über Rassismus und über die menschenverachtenden Nutzenkalküle einer Politik, die Menschen auf ihre Arbeitskraft reduzierte.
2021, Frank-Walter Steinmeier 4
Nach Jahrzehnten der historischen Amnesie deutet sich in solchen Reden eine neue Form des Erinnerns an: eine, die Ausgrenzung als Teil deutscher Migrationsgeschichte begreift – und benennt. Viel früher schon hatte Max Frisch diesen Zustand auf den Punkt gebracht – mit dem bis heute oft zitierten Satz: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“
Ankommen in den 1960er Jahren: „Die Ungerechtigkeitserfahrung, die ich in meiner Heimat erfuhr, dann die Ungleichbehandlungen hier – das alles hat mich hier dazu bewegt, dass ich mich engagieren wollte.“
Hasan Özen, der später bundesweit für seine langjährige und engagierte Gewerkschaftsarbeit Anerkennung fand, gehörte zu jener Generation migrantischer Arbeiter, die in den frühen 1960er Jahren mit großen Hoffnungen nach Duisburg kam. Am 7. November 1963 fuhr sein Zug mit 84 weiteren „Gastarbeitern“ aus der Türkei im Duisburger Hauptbahnhof ein. Er und seine Frau Emine – die wenige Jahre später ebenfalls nach Duisburg nachkam – haben fünf Töchter, die alle in Duisburg geboren wurden und hier zur Schule gingen. Die Familie lebt nur wenige Meter entfernt von Hasans langjährigem Arbeitsplatz, dem Profilwalzwerk des Mannesmann-Konzerns im Stadtteil Alt-Hüttenheim.
Hüttenheim entstand ab 1911 als sogenannte „Arbeiterkolonie Schulz-Knaudt“ – ein Wohngebiet, das speziell für die Beschäftigten der nahegelegenen Industrie gebaut wurde. Der Architekt Hans Werner Eggeling entwickelte die Siedlung, deren Struktur eindrucksvoll die enge Verbindung zwischen Wohnraum, Arbeit und sozialer Hierarchie widerspiegelt. So steht im Jubiläumsbuch der Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH: „Je höher die Position in der Werkshierarchie, desto größer waren die Häuser und Grundstücke.“ 5 In den 1960er Jahren lebten hier nur vereinzelt migrantische Familien. Erst mit dem Beginn der Arbeitsmigration ab 1963 stieg ihre Zahl deutlich an. Anfangs wohnten die Gastarbeiter:innen in betriebseigenen Wohnheimen, später zogen viele mit ihren Familien nach Hüttenheim. 1970 hatten 6,8 % der Mieter:innen einen Migrationshintergrund, bis 1979 wuchs dieser Anteil auf 88,5 % – davon waren über 90 % türkeistämmiger Herkunft.
Hasan Özen wurde 1944 in Kavak, einem Dorf mit mehrheitlich alevitisch-gläubigen Bewohner:innen in der Provinz Sivas, geboren. Bereits 1947 zog seine Familie in das nahegelegene Maras-Elbistan. Für die damals sesshafte Landbevölkerung war dieser Umzug, auch wenn die Dörfer nur wenige Kilometer entfernt lagen, eine bedeutende „kleine Migration“. Dort fand die Familie Arbeit auf den Feldern eines Großgrundbesitzers, vermittelt durch den Bruder seiner Mutter. Hasan Özen erzählt, wie hart die Arbeit für ihn als Kind war. Trotz seines Wunsches, zur Schule zu gehen, musste er der Landarbeit nachkommen. Die Familie war auf das wenige Einkommen angewiesen, weshalb Hasan Özen die schwere Arbeit nicht ablehnen konnte. „Ich fühlte mich oft ohnmächtig“, erinnert sich Özen. Diese frühen Erfahrungen von Ausbeutung und Ungerechtigkeit prägten ihn wiederum tief und für sein ganzes Leben.
Hasan Özen erinnert sich an seine Kindheit und Jugend.
Hasan Özen im Interview.
So wie Hasan Özen erging es vielen, die ab den 1950er Jahren als Gastarbeiter:innen ins Ruhrgebiet kamen: Sie standen vor einer schweren Entscheidung, zwischen Hoffen und Zweifeln, bevor sie ihre Koffer packten und die vertraute Heimat und oft ihre geliebten Familien zurückließen. Für Hasan Özen war es aber nicht nur die Armut, die ihn antrieb. Eine tiefe Ungerechtigkeitserfahrung ließ ihn gehen, obwohl er gerade erst geheiratet hatte und seine Ehefrau in der Türkei zurückblieb – erstmal. Als einfacher Landarbeiter und Jugendlicher hatte er oft gespürt, wie hart das Leben für Menschen war, die kein großes Einkommen hatten und in Armut leben mussten. Obwohl er die Voraussetzungen für eine Lehrerausbildung mitbrachte, fehlte ihm das Geld, um die Prüfungsunterlagen zu bezahlen – sein großer Berufstraum blieb für Hasan Özen als Kind unerreichbar. Diese Erlebnisse brannten sich tief in sein Gedächtnis ein.

Hasan Özens als Bewerber für den Betriebsrat, 1980.
Sie wurden zum Motor für seinen gewerkschaftliches Engagement gegen soziale Ungleichheit und für Menschenrechte in Deutschland: Hasan engagierte sich nur wenige Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland überzeugt als Gewerkschafter für migrantische Arbeiter:innen und machte Solidarität und Menschenrechte zum Herzstück seiner Arbeit. Sein Weg zeigt, wie persönliche Erfahrungen zu politischem Einsatz werden können.
„Teilen mit Bedürftigen war selbstverständlich in meinem Dorf im Senegal. Diese Haltung hab ich aus dem Senegal nach Duisburg mitgenommen!“
Birane Gueye kam Ende der 1980er Jahre als politisch Verfolgter aus dem Senegal nach Deutschland – ein weiterer „echter Duisburger“, wie er selbst sich nennt, mit viel Herz für seine Stadt an Rhein und Ruhr. In den 1960er Jahren, als er noch nicht in Duisburg war, lebte er noch im ländlichen Senegal. Es gab weder fließendes Wasser noch Elektrizität, aber dafür einen sozialen Zusammenhalt, der tief von Solidarität, gegenseitiger Hilfe und einem kollektiven Sinn für Verantwortung geprägt war.
Birane Gueye erinnert sich an seine Kindheit, sein politisches Engagement im Senegal und seine Flucht.
Birane Gueye im Interview.
Die Kindheit auf dem Land war einfach, aber voller Beziehungen. Was fehlte, war nicht nur materieller Wohlstand, sondern auch grundlegende Rechte. Frauen und Kinder hatten keine gesicherten Ansprüche, Bildung war ein Privileg. Um überhaupt zur Schule gehen zu können, musste Birane als Kind in die Stadt ziehen und bei seinem Onkel leben. Erst als er später ins Dorf zurückkehrte, wurde ihm der Unterschied zwischen Stadt und Land voll bewusst: der Gegensatz zwischen Zugang zu Bildung und struktureller Ausgrenzung. Diese Erfahrung wurde zum Ausgangspunkt seines politischen Engagements. In seiner Jugend schloss er sich einer progressiven Partei an, die für soziale Gerechtigkeit, Frauenrechte, bessere Lebensbedingungen und den Ausbau der Bildungsinfrastruktur kämpfte – vor allem für diejenigen, die arm und marginalisiert waren.
Der Senegal galt im westlichen Ausland lange als „demokratisches Vorzeigeland“ in Westafrika. Diese Einschätzung verdeckte aber häufig autoritäre Strukturen und die koloniale Kontinuität der Machtverhältnisse im Senegal. Nach der formellen Unabhängigkeit 1960 blieb der Einfluss Frankreichs auf Politik, Wirtschaft und Sicherheitsapparat. Die Einparteienherrschaft unter Präsident Senghor und später Abdou Diouf war geprägt von Repression gegen viele demokratische Bewegungen, die eine tatsächliche Demokratisierung, Pluralisierung und Unabhängigeit forderten.
Die Wahl 1988 löste schließlich Massenproteste aus, nachdem Ergebnisse gefälscht worden waren. Viele Beobachter:innen – darunter auch Birane Gueye – hatten direkte Einsicht in die Wahlprotokolle, die für die Opposition sprachen. Als die Regierungspartei sich dennoch zum Sieger erklärte, gingen tausende Menschen auf die Straße. Es kam zu Ausschreitungen, Barrikaden, Repression. „Viele wurden verhaftet,“ berichtet Birane Gueye. Auch er geriet ins Visier. Die Flucht wurde zur einzigen Möglichkeit, politisches Engagement fortzusetzen – und sein eigenes Leben zu retten.
ILLUSTRATION
Bei aller Unterschiedlichkeit ihrer Wege verband Birane Gueye und Hasan Özen, dass ihre Migration nicht allein von ökonomischen Motiven getragen war. Hasan Özen kam als Arbeitsmigrant nach Deutschland und nutzte die Möglichkeit, die sich durch die Anwerbeabkommen eröffnete. Damit verbanden sich jedoch auch Hoffnungen auf ein freieres und selbstbestimmteres Leben. Birane Gueyes Flucht war wiederum nicht nur eine Reaktion auf Gefahr, sondern auch Ausdruck seiner Entscheidung, seine demokratische Haltung und seinen Einsatz für Würde und Gerechtigkeit nicht aufzugeben. In Deutschland angekommen, blieb Gueye seinen Werten verbunden. Was er aus dem Dorf mitbrachte, prägte auch sein Leben in Duisburg: das Teilen, das Kämpfen und die Verantwortung füreinander. Auch dort engagierte er sich für Menschenrechte und Gleichberechtigung. „Was ich mitgebracht habe, ist das Teilen“, sagt er. „Und der Glaube, dass niemand allein bleiben darf.“
Es kamen auch Frauen, es arbeiteten auch Frauen
Ein lokales Beispiel dafür, wie eng die Anwerbung männlicher Arbeitsmigranten mit den Geschlechterrollen der 1960er Jahre verknüpft war, liefert ein Bericht der Rheinischen Post vom 16. November 1962 aus Duisburg. Darin heißt es, dass 15 Spanier über die Außenstelle der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung aus Almería nach Duisburg gekommen seien, um bei der Hauptpost zu arbeiten:
Während die Herkunft und Eindrücke bei der Ankunft der Spanier geschildert werden, macht der Artikel vor allem eines deutlich: Die spanischen Männer sollten deutsche Frauen ablösen, die bislang die körperlich anstrengende Arbeit bei der Post übernommen hatten:
Diese und die noch folgenden Spanier sollen nicht nur den allgemeinen Personalmangel mildern helfen; sie sollen vor allem die vielen Frauen entlasten, auf die sich die Post schon seit Monaten stützen muss.“
1986, Autor:in 1
Der Bericht zeigt, dass auch wenn Männer gezielt für körperlich schwere Tätigkeiten angeworben wurden, waren Frauen in Duisburg längst Teil der Arbeitswelt. Allerdings galten sie in den 1960er Jahren oft nicht als selbstverständlicher Normalfall; ihre Arbeit blieb deshalb häufig unsichtbar oder wurde nicht als gleichwertig anerkannt.
Die Erzählung von der Arbeitsmigration im Ruhrgebiet war lange von der Figur des männlichen „Gastarbeiters“ geprägt – in Blaumann, mit Helm und Staub im Gesicht. Das Bild vom „starken Mann“ in der Fabrik dominiert bis heute viele Vorstellungen über die sogenannte Gastarbeitergeneration. Die Geschichte der Frauen – ob migrantisch zugewandert oder nicht-migrantisch hier geboren – bleibt hingegen in den Erzählungen über Industriearbeit, Migration und politische Selbstorganisation meist unterbelichtet. In den Nachkriegsjahren dominierte weiterhin das sogenannte „Familienernährermodell“: Der Mann arbeitet, die Frau soll sich vor allem um Haushalt und Kinder kümmern. Diese Leitvorstellung entsprach jedoch auch in Duisburg nur teilweise der sozialen Realität. 1961 waren von rund 245.000 Arbeitnehmer:innen in Duisburg etwa 79.000 Frauen. Ihr Anteil an den Erwerbspersonen lag damit bei 27,4 Prozent – deutlich höher als 1939 mit 22,1 Prozent, wenn auch noch unter dem nordrhein-westfälischen Durchschnitt von 32,6 Prozent. Zugleich unterschieden sich die Beschäftigungsschwerpunkte deutlich nach Wirtschaftsbereichen: In der Industrie waren 1961 nur 14 von 100 Beschäftigten Frauen, in Handel und Dienstleistung dagegen mehr als 50 Prozent. Traditionelle Geschlechterbilder prägten den Alltag dennoch weiterhin.6
In verschiedenen Fachzeitschriften, in Politik, Kirche und Gesellschaft wurde breit darüber diskutiert, ob es überhaupt tragbar sei, dass Frauen erwerbstätig sind. Das war eine Debatte, die viele Entscheidungen, Rollenvorstellungen, die (Un-)Gleichstellung von Frau und Mann und die beruflichen Teilhabechancen von Frauen prägte. Für Arbeitsmigrantinnen stellte sich die Lage noch einmal anders dar. Schon in der frühen Phase der Anwerbung wurden sie gezielt rekrutiert – allerdings vor allem für niedrig entlohnte Tätigkeiten, die als „leicht“ galten und entsprechend in sogenannten Leichtlohngruppen vergütet wurden.
Foto 1: Ekatarina Pitsiou von der Roseninsel, Unser Werktag, Heft 1-2/1969, Salzgitter AG Konzernarchiv.
Foto 2: Feierabend ohne Mann, Unser Werktag, Heft 10-11/1969, Salzgitter AG Konzernarchiv.
Dabei waren Frauen keineswegs nur in Heimarbeit oder als „Dazuverdienerinnen“ tätig. Zwar wurden sie seltener als Männer angeworben, doch gezielt in Hilfsjobs und Leichtlohngruppen eingesetzt. Viele waren – sichtbar oder unsichtbar – fester Bestandteil der industriellen Arbeitswelt: als Reinigungskräfte in den großen Produktionsanlagen, als Büroangestellte bei Mannesmann in Duisburg-Hüttenheim, als Arbeiterinnen bei den Kabelwerken in Wanheimerort oder als Rangiererinnen in der Metall- und Stahlindustrie. Die vermeintlich „natürliche“ Rollenaufteilung in den Familien war nicht einfach gegeben, sondern gesellschaftlich hergestellt und stabilisiert. Sie prägte, wem welche Arbeit zugetraut wurde, wessen Erwerbstätigkeit als selbstverständlich galt und wessen Arbeit unsichtbar blieb. Die Öffnung des Arbeitsmarkts für Frauen lag damals noch in weiter Ferne. Doch viele Frauen unterliefen schon zu jener Zeit das starre Modell vom „männlichen Ernährer“ – sie hielten Familien zusammen, verdienten mit und kämpften um Anerkennung. Besonders migrantische Frauen, die oft mehrfach diskriminiert wurden, gehörten zu den stillen Pionier:innen jener Zeit. Ein genauer Blick in die Geschichte der Industriearbeit offenbart deshalb eine größere Vielfalt – nicht nur an Tätigkeiten, sondern auch an Erfahrungen, Perspektiven und Biografien. Die Geschichte der Arbeitsmigration im Ruhrgebiet ist weit reicher als das Bild vom männlichen Malocher vermuten lässt.
„Die Wohnsituation war so schwierig!“
Für viele Arbeitsmigrant:innen begann das Leben in Duisburg nicht in Wohnungen oder Nachbarschaften, sondern in Wohnheimen – Orten der Isolation und oft auch Entfremdung. Viele der Unterkünfte befanden sich in wenig attraktiven Lagen, oft in der Nähe von Industrieanlagen oder in städtischen Bereichen, die vom übrigen Alltagsleben aber dennoch räumlich und sozial abgetrennt waren. Mehrbettzimmer, Gemeinschaftsküchen und rigide Hausordnungen prägten den Alltag. Hasan Özen wohnte in den ersten Jahren in Duisburg ab 1963 in einem solchen betriebseigenen Ledigenwohnheim . Özen beschreibt die barackenähnlichen Unterbringungen in seiner Erinnerung als schwierige Zeiten.
Hasan Özen spricht über die ersten Jahre in Duisburg und die Wohnsituation in den Wohnheimen.
Hasan Özen im Interview.
Seine Erinnerungen werden in einer DGB-Umfrage unter Arbeitsmigrant:innen vom 05.12.1960 bestätigt. Als Ergebnis hielt der DGB fest, dass zwar 90% mit der Arbeit zufrieden seien, aber jede zweite Person würde sich über die Unterkunft und Verpflegung beschweren oder von Heimweh und Depressionen sprechen. Außerdem wünschten sie sich „Kontakt zu deutschen Familien“ und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Über diese Studie des DGB berichtet die Westdeutsche Allgemeine am 5.12.1960, dass ausländische Arbeiter jegliche Herzlichkeit vermissen. Der Autor des Berichts, Ferdinand Hannen, spricht sogar von beschämenden Ergebnissen:
Aber wenn die Ausländer äußern, sie vermißten jegliche Herzlichkeit auf Seiten der Deutschen, sie fühlten sich bewußt auf Distanz gehalten und bekämen keinen Kontakt zu deutschen Familien, dann ist daraus der Vorwurf nicht zu überhören. `Wir sind doch auch freundlich zu den Deutschen, wenn sie in unsere Länder kommen,` geben sie an. […] Dass sie sich eine sinnvolle Freizeitgestaltung wünschen und nicht in ihren Sammelunterkünften versauern möchten, ist verständlich.
1986, Autor:in 1



Foto 1: NRZ, 05.12.1960. Quelle: Landesarchiv NRW Signatur: NW 0022/01461.
Foto 2: WAZ, 05.12.1960. Quelle: Landesarchiv NRW Signatur: NW 0022/01461.
Foto 3: BILD, 04.11.1960. Quelle: Landesarchiv NRW Signatur: NW 0022/01461.
Die Klagen und Kritik von Migrant:innen, aber auch ein Streik in Braunschweig wegen der menschenunwürdigen Wohnverhältnisse von italienischen Arbeitern, machten die Unterbringungsnot immer deutlicher. Somit wurde sie auch 1960 zum Thema der Arbeitsministerkonferenz der Länder, die sich darauf einigten, dass feste Gebäude für die Unterbringung mit Geldern des Bundes bereitgestellt werden müssen. Ausländische Arbeiter würden erst dann für Arbeitgeber vermittelt werden können, wenn feste Unterkünfte nachgewiesen werden könnten.

Westfälische Nachrichten, 05.11.1960. Quelle: Landesarchiv NRW Signatur: NW 0022/01461.
„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!“
Hasan Özen wurde nur kurze Zeit nach seiner Ankunft in Duisburg am 1. Januar 1964 Mitglied der Industriegewerkschaft Metall. Anfang 1969 wurde er von den Beschäftigten seiner Abteilung zum gewerkschaftlichen Vertrauensmann gewählt. Seitdem war er gewerkschaftlich aktiv. 23 Jahre später, am 3. März 1992, regte die IG Metall an, Hasan Özen mit dem Bundesverdienstkreuz auszuzeichnen. Für sein gewerkschaftliches, bürgerschaftliches und migrationspolitisches Wirken wurde er schließlich im März 1994 im Mercatorzimmer des Rathauses in Duisburg mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Bis dahin war der Weg lang. Doch nicht nur für Hasan Özen – auch für die westdeutschen Gewerkschaften war es ein bewegter Weg bis zur tatsächlichen Partizipation von Arbeitsmigrant:innen.
Hasan Özen spricht über die Anfänge seines gewerkschaftlichen Engagements und als Betriebsrat.
Hasan Özen im Interview.
Die Perspektive westdeutscher Gewerkschaften auf die Anwerbung von Arbeitsmigrant:innen durchlief zwei Phasen. In der ersten Phase standen sie dem Bestreben der Bundesregierung, durch bilaterale Abkommen mit Entsendeländern gezielt Arbeitskräfte zu rekrutieren, skeptisch gegenüber. Zunächst plädierten sie sogar dafür, vorrangig inländische Arbeiter:innen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.7 Die Gewerkschaften hatten Sorge, dass das System der Anwerbemigration die in harten Streiks und Verhandlungen errungenen Tarifstandards unterlaufen und langfristig gefährden könne. Sie befürchteten zudem eine Segmentierung der Arbeitnehmerschaft und eine potenzielle politische Spaltung in mehr oder weniger streikbereite Gruppen. Dieser Punkt war für sie zentral. Denn Gewerkschaften schöpfen ihre Kraft vor allem aus kollektiver Organisationsmacht. Zudem war Migration bis in die 1970er Jahre hinein als Rotationsmodell konzipiert. Gewerkschaften, Politik, Verwaltung und selbst viele der Arbeitsmigrant:innen gingen davon aus, dass die angeworbenen Arbeitskräfte nach wenigen Jahren in die Heimatländer zurückkehren würden. Aus diesem Grund hielten es die Gewerkschaften zunächst nicht für sinnvoll, gezielte Anwerbungs- oder Integrationsarbeit innerhalb ihrer Strukturen zu leisten. Doch diese Annahme erwies sich als Trugschluss. Ab Mitte/Ende der 1960er Jahre setzte innerhalb der Gewerkschaften ein Wandel ein: hin zu einer aktiveren Interessensvertretungspolitik für Arbeitsmigrant:innen. Das bedeutete aber auch, dass sie sich mit der Frage auseinanderzusetzen mussten, welche spezifischen Bedarfe, Herausforderungen und Ausschlüsse Arbeitsmigrant:innen betrafen und wie sie ihnen politisch wirksam begegnen konnten: Teilhabe, politische Partizipation und betriebspolitische Gleichstellung waren zentrale Stichwörter der Auseinandersetzung.

Hasan Özen auf einer Kundgebung, 1980er Jahre.
Hasan Özen beschreibt als Zeitzeuge und Gewerkschafter diesen Aushandlungsprozess aus allernächster Nähe. Obwohl Arbeitsmigrant:innen formal arbeitsrechtlich gleichgestellt waren, sahen sie sich mit zahlreichen Problemen und Ungleichbehandlungen konfrontiert – oft ohne institutionelle Anlaufstellen. Die Gründe für sein gewerkschaftliches Engagement seien offensichtlich gewesen, sagt Özen:
Es gab so viele Probleme, die das Leben erschwerten, so viele Ungerechtigkeitserfahrungen, und niemand sprach wirklich darüber. Arbeitsmigranten haben knochenharte Arbeit erledigt, konnten die Sprache nicht und sich deshalb nur schlecht ausdrücken, waren ohne Familie in miserablen Wohnunterkünften untergebracht. Waren diese Probleme erledigt, kamen schon die nächsten um die Ecke.
1986, Autor:in 1
Da Özen bereits 1963 beim Stahlkocher Mannesmann anfing, ist er nicht nur ein wichtiger Zeitzeuge, sondern auch ein aktiver Mitgestalter einer langen und widerspruchsvollen gewerkschaftlichen Entwicklung. In seinen Aussagen wird deutlich, wie eng betriebliche und außerbetriebliche Ungleichheitserfahrungen miteinander verflochten waren. Arbeitsmigrant:innen aber beschrieben nicht nur Missstände oder waren der strukturellen Ungleichheit als „passive Opfer“ ausgeliefert, sondern sie setzten sich mit ihren Arbeits- und Lebensbedingungen aktiv auseinander. Sie entwickelten auch Lösungsvorschläge, trugen zu einer neuen Protestkultur bei, bauten Solidaritätsbündnisse auf und schufen unter schwierigen Bedingungen Räume der Selbstorganisation.

NRZ/WAZ Sonderbeilage, 165/41, Dezember 1992. Quelle: Hasan Özen
Bemerkenswert ist, wie früh bereits zentrale Defizite der deutschen Migrationspolitik benannt wurden. Ein Beispiel ist ein Vortrag des Prälats Albert Stehling, den er am 26. April 1966 in einer Reihe des Deutschen Industrieinstituts hielt. Stehling beklagte, dass zwar das Mitmenschliche und Partnerschaftliche in Deutschland hochgepriesen würden, die Alltagserfahrungen der Migrant:innen aber vom Gegenteil zeugten.
In der Öffentlichkeit hält man Distanz von ihnen, man ist vielleicht freundlich zu ihnen, aber möchte möglichst wenig mit ihnen zu tun haben. Und damit treibt man sie in eine Abwehrhaltung und in ein Ghetto-Dasein hinein, das sie in ihren Unterkünften, Sozialzentren und in Bahnhofshallen verleben müssen. Hier liegt das eigentliche Problem: ob es gelingt, dass der ausländische Arbeitsnehmer nicht nur in den Betrieben, sondern auch im öffentlichen Leben als echter Mitbürger, als Mensch angenommen wird.
1986, Autor:in 8
Freizeit zwischen Bahnhof und Politik
In den 1960er-Jahren bestand der Alltag von Arbeitsmigrant:innen in Duisburg aus anstrengender und harter Fabrikarbeit und einem beengtem Leben in Wohnheimen. Privatheit konnte nicht viel Raum gegeben werden. Von Beginn an war die Anwerbepolitik der Bundesrepublik auf Arbeitskraft fokussiert – weniger auf Teilhabe. Freizeitgestaltung war auch kein anfängliches Element in der Anwerbepolitik. Die Stadt, in der Arbeitsmigrant:innen arbeiteten, schien für sie außerhalb von Werkstor und Schlafplatz keinen Raum für sie vorzusehen. Das Gefühl, nicht zur Stadt zu gehören, war verbreitet – und spiegelte sich auch in der Frage: Wo verbringt man die Freizeit nach der Schicht?

Frankfurter Hauptbahnhof, Dragutin Trumbetas: Gastarbeiter, Frankfurt am Main 1977.
Viele zog es nach Feierabend an öffentliche Plätze, besonders an die Bahnhöfe. Dort gab es internationale Zeitungen, Treffpunkte für informelle Gespräche, Hinweise auf Arbeitsplätze, Unterkünfte, Aufenthalts- und arbeitsrechtliche Informationen. Man konnte mit Glück Verwandte treffen, Geschenke austauschen, Dokumente empfangen oder einfach Menschen aus der Heimat wiedersehen, Netzwerke knüpfen. Der Bahnhof war ein Transitort, ein Raum zwischen Ankunft und Abreise – aber auch zwischen Ausschluss und Gemeinschaft. Eine Rezension der Aufführung einer migrantischen Berliner Kunstgruppe, die am 7. Dezember 1980 in der Rheinhausenhalle stattfand, brachte diesen Ort - den Bahnhof für Arbeitsmigrant:innen - poetisch auf den Punkt. Der Autor beschrieb den Bahnhof als:
Garküche der Sehnsucht, als einen Anlauf- und Ausgangspunkt für die, die sich fremd fühlen in den Zentren der Städte, die zu Fremden gemacht werden, weil diese Gesellschaft keinen Platz für sie hat“
1986, Autor:in 9
Dass viele dieser Begegnungen an Bahnhöfen stattfanden, lag auch an der eklatanten Unterversorgung mit Freizeitangeboten für Migrantinnen und Migranten. Ein Artikel in der Neuen Ruhr Zeitung vom 23. Oktober 1970 trug den Titel: „Ein Mann allein muss sich um 18.000 Türken kümmern“ Gemeint war ein Betreuer der AWO in Duisburg, auf den die gesamte Betreuung der türkeistämmigen Arbeitsmigrant:innen fiel. Die Wohlfahrtsverbände kündigten an, verstärkt mit aufsuchender Arbeit an Bahnhöfen präsent zu sein. Es wurde sichtbar: Bahnhöfe waren nicht nur Orte des Transits, sondern auch soziale Knotenpunkte, deren Bedeutung früh erkannt – und institutionell vereinnahmt – wurde.
Die Betreuung durch die Wohlfahrtsverbände folgte einer Direktive der Bundesregierung. Die AWO war für türkeistämmige, Caritas und Diakonie für andere Herkunftsgruppen zuständig. Viele der ersten Beratenden waren selbst Migranten mit Bildungshintergrund, die als Übersetzende und Vermittelnde fungierten. In einigen Betrieben wurden diese Personen bewusst eingestellt, um zwischen Arbeiter:innen und Verwaltung zu vermitteln. Neben allgemeinen Beratungen – etwa zu Arbeitsrecht, Sozialversicherung, Vertragsfragen oder behördlichen Angelegenheiten – spielten sie eine zentrale Rolle bei der Organisation kultureller Angebote oder bei der Begleitung zu Behörden. Der Einsatz ehrenamtlicher Unterstützer:innen war ebenso verbreitet wie erste Formen einer institutionalisierten Beratungsstruktur – etwa über Betriebsräte oder Werksozialdienste.
Erst später rückte die fehlende Freizeitgestaltung stärker in den Fokus. Der AWO-Referent Richard Haar hielt 1965 fest:
Neben den Beratungsstellen [sind] … auch Freizeitheime für türkische Arbeiter geschaffen worden. […] Diese Heime sollen Treffpunkt der Arbeiter außerhalb der Betriebe und Betriebsunterkünfte sein. Von hier aus werden Veranstaltungen aller Art angeregt und durchgeführt.
1986, Autor:in 1
In Duisburg wurde ein solches "Freizeitheim" für spanische Arbeiter in der Goldstraße 12 als Schankwirtschaft registriert. Bereits am 27.5.1961 berichtete der Duisburger Generalanzeiger, dass das Arbeitsamt gemeinsam mit dem Caritasverband ein Freizeitheim für italienische Arbeiter plane, um gegen das Heimweh vorzugehen. Damals waren rund 1.700 Italiener in Duisburg beschäftigt. Der Bericht verspricht, dass das Duisburger Arbeitsamt auf Initiative des Arbeitsamtsdirektor Josef Gauf unmittelbar vor dem Abschlussder Gespräche mit dem Caritasverband steht. In dem Bericht wird beklagt, dass die italienischen Arbeiter nach der Lohnarbeit keinen Raum für ihre Freizeit hätten und deshalb dringender Bedarf an einem solchen Angebot besteht. Es heißt weiter:
Sie stehen zusammen mit ihren deutschen Arbeitskollegen am Fließband. Sie arbeiten am Hochofen und auf den zahlreichen Baustellen. Solange sie arbeiten, sind sie zufrieden. Das große Elend packt sie dann, wenn der Feierabend beginnt. Dann bevölkern sie den Bahnhof und schauen den Fernzügen sehnsüchtig nach. Dann haben sie Heimweh. Ihre einzige Unterhaltung ist die mit ihren Landsleuten.10

Duisburger Genral Anzeiger, 27.05.1961.
Kontrolle statt „Integration“? „Sicherheitsdiskurse“ der frühen 1960er
Eine Akte des Sozialdezernats Duisburg vom 20. März 1961 zeigt, wie früh auch politische „Sicherheitsdiskurse“ die Betreuungsproblematik prägten.11 Eine Notiz mit dem Betreff „Fremdarbeiter“ dokumentiert, dass der Direktor der Ruhrgas AG die Niederrheinische Industrie- und Handelskammer darauf aufmerksam macht, dass die Betreuung der einfachen Fremdarbeiter im Ruhrgebiet im Argen liegen würde. Während die Betreuung der Praktikanten und gehobenen Fremdenkräfte funktioniere, blieben die einfachen „Fremdarbeiter“ über das Wochenende weitgehend sich selbst überlassen. Dann wird auf die Gefahr aufmerksam gemacht, dass man in letzter Zeit beobachte, dass es „starke Anstrengungen der Kommunisten (gäbe), bei diesen Kräften Gehör zu finden. Betreuungsmittel stünden den Betrieben und der Stadt bei Bedarf aus dem Sabelturm, also aus Mitteln der Arbeitslosenversicherung des Bundes zur Verfügung.“ Diese Notiz drückt die gängige Sorge von Arbeitgebern, der Politik und Verwaltungsstellen in den 1960ern aus, dass eine linksextreme Infiltration von Arbeitsmigrant:innen stattfinden könnte.

Notiz vom 20.03.1961, Akte des Sozialdezernats Duisburg. Quelle: Stadtarchiv Duisburg, Best. 905/119.
Die Frage beschäftigte Politik und Sicherheitsorgane weiterhin, so dass das Bundesamt für Verfassungsschutz eine Auswertung über die „kommunistische Infiltration“ ausländischer Gastarbeiter in der Bundesrepublik im Februar 1964 erstellte. Sie untersuchten in dem Bericht gruppenspezifisch italienische, spanische, griechische, türkische und jugoslawische Arbeiter und ihre Gefährdungspotential. Auch dort wird auf den Aspekt der „Betreuung“ auf den Seiten 10-11 eingegangen und betont, dass „Behörden, Betriebe, Kommunen, Kirchen und der DGB bemüht sind, durch soziale Betreuung, die Herausgabe von Zeitungen in der Muttersprache der Arbeiter und durch persönliche Kontakte. An diesen Bemühungen sind auch die Konsulate, die Kirchen, die politischen Parteien und die Gewerkschaften mehrerer Heimatländer der Gastarbeiter beteiligt“, um der kommunistischen Infiltration zu begegnen.
Teil 2 folgt: Die 1970er in Duisburg: Bleiben, Organisieren und Streiken
1
Vgl. Online: duisburg.de/wohnenleben. (Zuletzt abgerufen: 03.04.2024).
2
Vgl. Thomas Sevcik (2022). „Das Ende des Ruhrgebiets“. In: Die Zeit, 13.11.2022. Online: zeit.de/kultur. (Zuletzt abgerufen, 03.04.2024).
3
Jackson, J. H. (1979). „Wanderungen in Duisburg während der Industrialisierung: 1850-1910. In W. H. Schröder (Hrsg.), Moderne Stadtgeschichte (S. 217-236). Stuttgart: Klett-Cotta. Online: nbn-resolving.org. (Zuletzt abgerufen: 03.04.2024).
4
Vgl. online: bundespraesident.de (Zuletzt abgerufen, 08.10.2021).
5
6
Siehe hierzu: Duisburg im Zahlenspiegel 4/1963, 1/1964.
7
Vgl. Trede 2012, S. 185ff.; vgl. Goeke 2020.
8
9
10
Duisburger Generalanzeiger 27.05.1961, Quelle:
11
Stadtarchiv Duisburg, Best. 905/119.


